Oliver Schultz

„Kunst und Begegnung“

Über die künstlerische Arbeit mit demenziell erkrankten Menschen

„Können wir uns vielleicht kennenlernen…?“

… mit dieser Frage wandte sich Frau B., Bewohnerin eines Seniorenheims in W., vor einigen Tagen an mich. Ihre Stimme war zaghaft, in ihrem Blick lag Unsicherheit. Ich war nach einer kurzen Unterbrechung gerade wieder auf dem Rückweg in die Gruppe der Bewohnerinnen, mit denen ich bereits seit mehr als einer Stunde gemalt hatte. Frau B. hatte in dieser Zeit neben mir gesessen und wir hatten uns intensiv, humorvoll und sehr aufmerksam der Gestaltung ihres Bildes gewidmet.

Da ich Frau B. und ihre Art sich sprachlich auszudrücken, schon eine Weile kenne, vermute ich, dass sie unser Beisammensein nicht einfach vergessen hatte, sondern mit ihrer Frage erneut an die Nähe und Begegnung der gerade vergangenen Stunde anknüpfen wollte.

Es gibt Teilnehmerinnen in meinen Malgruppen, die durch ein lautes Türenschlagen, den Gruß eines Hinzukommenden, so stark abgelenkt werden von ihrer gerade vollzogenen Tätigkeit, dass sie, nachdem sie sich der Ursachen dieser‚Störung’ vergewissert haben und den Blick wieder auf das Bild senken, ganz erstaunt und ratlos angesichts des Pinsels in ihrer Hand sind und nicht mehr wissen, wozu dieses ‚Ding’ gut sein soll – in welcher Situation sie sich plötzlich, wie von Zauberhand, für sie nicht nachvollziehbar, wiederfinden.

Der Faden, der unsere Tätigkeiten und Erlebnisse im Allgemeinen miteinander verbindet und zwischen ihnen einen Zusammenhang und Sinn stiftet, an dem wir uns also orientieren können, ist bei Menschen mit Demenz so lose geknüpft, dass er sehr leicht und sehr oft durchtrennt wird. Dieser Verlust an Orientierung ist offensichtlich eine Quelle großer Angst und Beunruhigung. Mimik, Tonfall und Körperhaltung artikulieren auf ihre leibhaftige Art das verstörende Gefühl eines Befremdens – sich selbst und der unmittelbaren Umgebung gegenüber.

Ich denke in diesem Zusammenhang an die ursprüngliche Bedeutung von „Elend“ – dem schmerzlichen Zwang, sein Dasein fern der Heimat fristen zu müssen, ein Leben in der Fremde zu führen.

Was, wenn die Fremde sich in uns selbst ausbreitet?

Sehr häufig gibt es nicht die Möglichkeit einer verbalsprachlichen Begegnung. Oder sie bedarf der Vertrautheit um zu verstehen, was wahrscheinlich gemeint ist. Überhaupt gründen sich sehr viele solcher Vermutungen über die Bedürfnisse und die Befindlichkeiten des jeweils anderen auf Deutungen. Diese gilt es beständig kritisch zu prüfen. Dennoch glaube ich, dass eine grundlegende Mit-Menschlichkeit zwischen mir und dem Anderen eine achtsame Begegnung und ein Miteinander ermöglicht. Die Frage eines respektvollen und behutsamen Miteinanders, dessen Bedingungen und Möglichkeiten, stellt sich in der Begegnung mit Menschen mit Demenz auf sehr intensive Weise.

Die künstlerische Arbeit bietet eine Antwort auf diese Problematik. Die Gestaltung eigener Bilder, in der Imagination oder sichtbar auf einem Bogen Papier, kann Zugänge jenseits der Verbalsprache öffnen. Die Bilder tun dies auf ihre ganz eigene Art.

Ich habe ein paar Beispiele solcher Bilder zusammengestellt. Denn nur darüber zu sprechen würde den wesentlichen Charakter dieses Zugangs ausklammern: ihre Sichtbarkeit.

Zitternde Strichführung, feine Linien oder sehr zarte Lasuren, die sich aus einer (für mich nach so vielen Jahren immer noch bestaunten und bewunderten) Langsamkeit der Handführung ergeben, sind sichtbare Spuren der besonderen Situation der Malerinnen und Maler. In der Art und Weise ein Thema zu gestalten, sei es ein Haus, eine Tür oder eine Kuh im Regen, zeigt sich oft, mehr oder weniger augenfällig, die Persönlichkeit der Menschen.

Meine Arbeit hat nicht die Herstellung von Bildern zum Ziel. Aber mit Hilfe der Bilder und bereits im Verlauf ihrer Gestaltung öffnen sich Wege zu den Menschen. Mein Wunsch ist, dass meine Begleitung sie dabei unterstützt, sich und anderen begegnen zu können – dabei Erfahrungen von ihrer eigenen Sichtweise auf die Welt zu machen und für eine Zeit lang wieder einen Faden zu knüpfen oder zu stärken, der sie mit ihrem Leben verbindet.

Daher ist meine Antwort auf die vorsichtige Frage von Frau B.:

„Ja – wir können uns sehr gerne kennen lernen!“

Immer wieder.

II. Die Bilder

Meine Haustür, 21×29,7 cm

Eine stark zitternde Linie begrenzt ein hochkant in die untere Bildmitte gesetztes Rechteck, das mit groben Pinselstrichen in einem kräftigen Gelb ausgemalt ist. Am rechten oberen Rand des Feldes ist in grober Schrift die Ziffer 13 hinzugefügt. Rechts von der Mitte ein flüchtiger weiterer Schrägstrich. Im Gespräch mit der Malerin nannte sie als Titel des Bildes: ‚Meine Haustür’. Das Papier rings um die „Tür“ wird zur Hauswand, zur Wand ihres Hauses. In seiner Frontalität wendet es sich direkt und entschieden an den Betrachter.

Die Malerin leidet unter einem sehr starken Tremor, der sie in allen möglichen Tätigkeiten des Alltags behindert. Es ist ihr kaum möglich mit dem Pinsel selbständig Farbe aus den kleinen Farbtöpfen zu entnehmen. Diese Unbeholfenheit zeigt sich deutlich in der Machart des kleinen Bildes. Es ist von Ungenauigkeit und Schnelligkeit geprägt. Und doch ist es ihr gelungen ein Bild von ihrer Haustür zu malen, diese zu zeigen. Selbst die Hausnummer wird noch ergänzt.

Schon im Stil des Bildes drücken sich wesentliche persönliche Eigenheiten aus. Die zittrig, flüchtige Gestaltung des Bildes als Ausdruck von schwer Greifbarem, Bedrohtem. Zugleich aber auch der Mut und die Entschiedenheit, wie sie sich in der Platzierung auf dem Blatt zeigen.

Als Bewohnerin eines Heimes muss die Malerin die Trennung von ihrem Haus ertragen. Welche zahlreichen Gedanken und Erinnerungen werden mit dieser Entwurzelung verbunden sein? Das Bild ruft also wichtige Fragen hervor, die sehr schnell die reine Sichtbarkeit verlassen, doch in ihr bereits angelegt, inhaltlich „gefärbt“ sind.

Die gleiche Thematik wird in einem weiteren Bild gezeigt:

Erinnerung an mein Haus, 29,7 x 21 cm

Das kleine Bild eines leicht schräg ausgerichteten Hauses treibt geradezu bodenlos in der Leere des ansonsten unbehandelten Blattes. Eine Hecke grenzt das Häuschen nach vorne ab, ein kleiner Weg führt zu dem Häuschen. Dachziegel sind angedeutet, im oberen Stockwerk ist ein Fenster zu erkennen. Ich frage mich, wie weit die Ähnlichkeit des Bildes mit dem vorgestellten Haus geht? Vermutlich gab es eine große Hecke, hinter der der Privatbereich gleichsam geschützt existiert hat. Die Malerin nannte das Bild: Erinnerung an mein Haus.

Das Bild thematisiert Verlust und Bedeutung des Verlorenen. Zartheit und Unbeholfenheit in der Machart rücken das Bild um so mehr in den Rang eines persönlich, nicht professionell könnerhaft gestalteten Zeugnisses je eigener Erfahrung und Geschichte.

Noch ein Beispiel ganz anderer Art:

o.T., 21 x 29,7 cm

In kräftigen, vorwiegend dunklen Farbstrichen wird der Bildgrund strukturiert. Das Viereck der Bildfläche wird im Inneren variiert durch eine Vervierfachung und Variation der Ausgangsform. So zeigen sich ein längs gestrecktes Rechteck links unten und dagegen ein stumpfes Hochformat rechts oben. Im Innern sind die Binnenformen locker und kräftig ausgestaltet, neben dem dominierenden Schwarz fallen die Rottöne und im starken Kontrast dazu sanftere Grüntöne auf. Die Malerei greift die viereckige Grundform des Papiers auf, spielt mit ihr und drängt sich geradezu gegen ihre Begrenzung. Das ganze Blatt ist in einer spannungsreichen Farb- und Formgebung gestaltet.
Ich erinnere mich noch, wie die Malerin das Bild lachend und mit einer kraftvollen Energie angefertigt hat. Aber dieses Selbstbewusstsein kommt auch allein durch die Kraft der Gestaltung zum Ausdruck.

o.T., 21 x 29,7 cm

Diese Zeichnung eines Paares mit jeweils schräg versetzt darüber angeordneten Köpfen, wurde von einer Malerin angefertigt, die selbst sich kaum mehr sprachlich äußert. Alle Gesichter sind mit einem freundlichen Ausdruck wiedergegeben. Kleine Details bereichern die Figuren: Das karierte Kleidchen mit zwei kleine Taschen an den Seiten, die Frisur des Mädchens gegenüber der Kahlköpfigkeit des Jungen. Die Blicke der geisterhaft darüber schwebenden Köpfe sind durch Augenbrauen ergänzt. Die symmetrische Anordnung der Figuren links und rechts von der Bildmitte betont durch die klare Zweiteilung das Thema der Paarung. Ein ungebrochen freundliches, zartes Miteinander wird spürbar, für die beiden schwebenden Köpfe drängt sich mir die Frage auf: symbolisieren sie Eltern oder Geister – also irgendeine Art übergeordneter Wesen, auf deren Güte vertraut werden kann?

Schließlich noch ein Beispiel, das Schriftsprache und Bild spielerisch verknüpft:

Die Kuh steht im Regen, 21 x 29,7 cm

Zahlreiche Farbtupfer sind locker im Bild verteilt, hin und wieder ist Schrift zu erkennen, v.a. das Wort Regen taucht häufig auf, zugleich mit Zeichnungen von Wolken und Regen- schauern. So wechselt das Bild zwischen sprachlicher und zeichnerischer Darstellung der Thematik (Regen) und seiner stilistischen Umsetzung: Überall fallen Farbtupfen, Worte und Linien auf das Bild, erzeugen ein mehrdeutiges Rauschen, eine anregende Unschärfe. Mit der Zeit kann man in der Bildmitte unter einer Häufung dunkler Farbflecke, Fragmente einer Tierzeichnung ausmachen: Beine, ein Bauch, stark nach oben versetzt ein buschiger Schwanz. Da also ist die Kuh mit ihrem dunkel getupften Fell, die dem Bild seinen Titel gegeben hat: Die Kuh steht im Regen.
Die spielerische Verwendung von Zeichnung, Farbe und Sprache ist augenfällig. Sie vermittelt Leichtigkeit und Humor.

III. Resumée

Als Zeugnisse eines bildnerischen Vermögens geben die Bilder keine klare Auskunft. Sie sind keine Informationen. Darin liegt ihre Stärke.

Indem sie auf Themen und die dahinter aufscheinende Persönlichkeiten verweisen, geben sie zu denken und zu spüren, lassen Vermutungen und Deutungen anklingen und stiften so die außerordentlich lebendige Begegnung zwischen dem Bild und uns, den Betrachtern. Es geschieht immer wieder, dass die Malerinnen und Maler erfüllt sind vom Stolz auf das eigenhändig geschaffene Bild. Sie zeigen es in die Runde. Beschwingt von der Atmosphäre einer gemeinsamen, alle verbindenden Tätigkeit äußern die anderen ihre meist wohlwollende Anerkennung für das gezeigte Bild.
Oder aber ein Bild gefällt ihnen einmal nicht, dann quittieren sie es mit einem zweifelnden Blick bis hin zu entschiedenen ablehnenden Kommentaren.

Immer jedoch bezeugt die Individualität der Bilder die ausdrucksfähige Lebendigkeit und das Vermögen aller Anwesenden – der Malerinnen und Maler, aber auch der Betrachter.

Denn die Verschiedenheit der gezeigten Sichtweisen macht auch uns und unsere Sichtweisen als Betrachter sichtbar – bringt sie in unserer Reaktion zur Erscheinung. Wir reagieren mit Überraschung, Befremden oder Freude – niemals jedoch wollen wir einfach nur registrieren, kühlen Kopfes „feststellen“ um was es geht, denn niemals geht es nur um etwas im Bild, sondern immer auch um uns Betrachter. Auch unsere je eigene Sichtweise wird durch das Betrachten der Bilder lebendig und relevant.

Oliver Schultz

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