Cornelia Saalfrank

Rhizom – Strategie einer Kunstsammlung

Unter den Unternehmen gab es schon immer eine gewisse Anzahl, die Bildende Kunst sammelte. Zu den Motiven zählen repräsentative Zwecke, Imagepflege, die Diversifizierung von Geschäftsvermögen, aber durchaus auch echtes Interesse an der Sache selbst.

Hinzugekommen ist die Erkenntnis, dass die Bildende Kunst mit ihrem kreativen, freiheitsliebenden Potential eine wie auch immer geartete, positive Intervention darstellt und Chancen birgt, die auch für ein Wirtschaftsunternehmen und seine Mitarbeiter von großem Interesse sein können.

Doch die Art und Weise, wie moderne Kunst in ein Unternehmen sinnvoll integriert werden kann, bedarf konkreter Überlegungen. Als Möglichkeit für die Intervention “Kunst im Unternehmen“ schlagen wir als Leitmotiv und zentralen Begriff das Rhizom vor. Einerseits funktioniert das Rhizom als Modell, mit dem sich gegenwärtige Entwicklungen und Tendenzen in Wirtschaft, Gesellschaft und Kunst analysieren und beschreiben lassen, andererseits nehmen wir es als Vorbild dafür, wie zeitgenössische Kunst sinnvoll und zukunftsfähig in das Unternehmen eingebracht werden kann.

Zu Herkunft, Bedeutung und historisch-philosophischem Kontext des Begriffs Rhizom

“Rhizom“ (griech., Wurzelstock, auch Grundachse oder Erdstamm) ist ursprünglich ein Begriff aus der Botanik und bezeichnet dort den unterirdischen Teil bestimmter Pflanzenarten (z.B. Kalmuswurzel, Kurkuma, Veilchenwurzel, Ingwer). Im Gegensatz zur klassischen Wurzel erlaubt das Rhizom diesen Pflanzen ein im Prinzip unbegrenztes, horizontales Wachsen und Sich-Ausbreiten.

Zwei dem französischen Poststrukturalismus zuzurechnende Denker, der Philosoph Gilles Deleuze und der Psychoanalytiker Félix Guattari, greifen in den 60er Jahren den Begriff “Rhizom“ auf und verwenden ihn als Modell für ihre analytisch-philosophisch-literarischen Zwecke. 1980 erscheint in Paris das gemeinsame Werk „Mille plateaux“ (Tausend Plateaus, Berlin 1992), das von den beiden Autoren als Fortsetzung ihres berühmt gewordenen,1972 veröffentlichten Bandes „L’Anti-Oedipe“ (Anti-Ödipus, Frankfurt/M. 1974) angesehen wird.

Das erste Kapitel, bzw. die Einleitung zu „Tausend Plateaus“ trägt den programmatisch zu verstehenden Titel „Rhizom“, sie erschien bereits 1976 als einzelne Publikation unter dem Titel „Rhizome. Introduction“. In ihrer Vorbemerkung zu „Tausend Plateaus“ weisen die Autoren ausdrücklich darauf hin, dass das Buch nicht aus Kapiteln, sondern vielmehr aus ‚Plateaus‘ besteht, die, bis auf das Schlusskapitel, in nahezu beliebiger Reihenfolge gelesen werden können.

Der „Anti-Ödipus“ und „Tausend Plateaus“ atmen die Aufbruchsstimmung und den revolutionären Geist der 1960er Jahre und reflektieren gleichzeitig doch sehr genau die Schwächen und das Scheitern der sogenannten 68er Bewegung. Die beiden Werke sind einer sehr fundamentalen Kritik der Psychoanalyse, der Philosophie und ihrer jeweiligen Denkmechanismen, sowie einer gründlichen Analyse der Funktionsweisen des Kapitalismus, als einer sämtliche gesellschaftlichen Diskurse durchdringenden Maschinerie, verpflichtet.

Der bei Deleuze und Guattari zentrale Begriff des ‘Rhizoms‘ ist Strategie, Werkzeug und Vision zugleich. Er taugt nicht nur zur Analyse bestehender Verhältnisse, sondern hat – schon in den 60er und 70er Jahren – die heute in vielen Bereichen anzutreffenden nicht-linearen Verfahren des digitalen Zeitalters vorweggenommen. Die Verkörperung einer horizontalen, anti-hierarchischen und weltumspannenden Vernetzung durch das Internet, die zunehmend globale Ausrichtung von Wirtschaftsunternehmen oder die Selbstverständlichkeit von genreübergreifenden und nicht-linearen Techniken in der Kunst sind als Beispiele zu nennen.

Im Text “Rhizom“ (dt. Übers. Berlin 1977) werben Deleuze und Guattari mit Vehemenz und viel Witz für eine Theorie der Mannigfaltigkeit, als einer zukunftsträchtigen Alternative zur klassischen Dialektik, die sich jeweils immer nur zwei Punkte zueinander in Beziehung gesetzt denken kann.

„Das Viele (multiple) muß man machen: nicht dadurch, daß man fortwährend übergeordnete Dimensionen hinzufügt, sondern im Gegenteil ganz schlicht und einfach in allen Dimensionen, über die man verfügt: jedesmal n – 1 (Das Eine ist nur dann ein Teil der Vielheit, wenn es von ihr abgezogen wird). Das Einzelne abziehen, wenn eine Vielheit konstiuiert wird; n – 1 schreiben.

Ein solches System kann man Rhizom nennen. Als unterirdischer Sproß unterscheidet sich ein Rhizom grundsätzlich von großen und kleinen Wurzeln. (…) Das Rhizom selbst kann die verschiedensten Formen annehmen, von der Verästelung und Ausbreitung nach allen Richtungen an der Oberfläche bis zur Verdichtung in Knollen und Knötchen“. (S. 11)

An die Stelle von ‘Baum‘ und ‘Wurzel‘, zwei Modelle, die die Prinzipien hierarchischer und zentralistischer Organisation verkörpern, tritt das Rhizom als Vorbild zukünftigen Denkens und Handelns. Es vermag Netze auszubilden, die dezentral funktionieren und in denen jeder Punkt jederzeit mit jedem anderen Punkt in Verbindung stehen und kommunizieren kann und soll. Die Herstellung der Verbindungen erfolgt nach dem Prinzip der permanenten, gegenseitigen Verkettung.

„In zentrierten (oder auch polyzentrischen) Systemen herrschen hierarchische Kommunikation und von vornherein festgelegte Verbindungen; dagegen ist das Rhizom ein nicht zentriertes, nicht hierarchisches und nicht signifikantes System ohne General, organisierendes Gedächtnis und Zentralautomat; es ist einzig und allein durch die Zirkulation der Zustände definiert.“ (S.35)

Festzuhalten bleibt neben dem visionären auch der realistisch-pragmatische Gehalt der Vorstellungen von Deleuze und Guattari. Sie gehen ganz selbstverständlich davon aus, das Verbindungen zwischen den beiden parallel vorhandenen, unterschiedlichen Systemen ‘Baum‘/‘Wurzel‘ und Rhizom existieren und funktionieren.

Das Rhizom als Phänomen der Gegenwart

Die Idee des Rhizoms hat seit seiner Formulierung durch Deleuze und Guattari in den 1970er Jahren in viele verschiedene Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft Eingang gefunden.

Die Vernetzung einer weltweiten Kommunikationsgemeinde durch das Internet und die Möglichkeiten digitaler Massenkommunikation, die Globalisierung der Wirtschaft und die modernen Ideale von schier unbegrenzter Flexibilität, Multifunktionalität und universeller Mobilität sind nur einige Beispiele dafür, ebenso die Auflösung starrer Produktions- und Arbeitsweisen zugunsten dynamischer Konzepte und die Einführung von flacheren Hierarchien und verstärkter Teamarbeit in Unternehmen.

Diese Entwicklungen schließen natürlich auch den Bereich der modernen Kunst nicht aus und werfen zugleich Fragen und Probleme auf, die von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern aufgegriffen und vielfältig reflektiert und bearbeitet werden.

Die Erkenntnis, dass Ideen, Gedanken und Begriffe ein Eigenleben führen und, einem üppig wachsenden Wurzelgeflecht vergleichbar, in vielfältiger Weise zueinander in Beziehung treten, anstatt sich – wie es die klassische Philosophie definiert – hierarchisch voneinander abzuleiten, beeinflusst zunehmend die gegenwärtige Kunstpraxis. Weniger denn je lassen sich heute in der zeitgenössischen Kunst Gattungen und Stile trennen, immer häufiger stellt sich die Frage, ob es sich bei einem bestimmten Kunstwerk um ein Gemälde, ein Wandobjekt, eine Skulptur oder eine Installation handelt. Auch am Anfang des 21. Jahrhunderts erweitert sich der Kunstbegriff permanent. Die Verflechtungen werden immer komplexer, die Grenzen fließend und Begrifflichkeiten überschneiden sich so, wie sich letztendlich die Wahrnehmungsweisen vervielfältigen.

Möglichkeiten eines rhizomatischen Kunst- und Sammlungskonzepts

Die hier dargelegten Ideen und Entwicklungen, die sich mit dem Begriff des Rhizoms verbinden, können in ein ‘rhizomatisch‘ ausgerichtetes Kunst- und Sammlungs-konzept einfließen. Es greift dabei bewusst wesentliche Elemente der jeweiligen Unternehmensphilosophie auf und entwickelt sie weiter. Das sich aus sich selbst heraus aktualisierende und erweiternde Kunst-Rhizom verkörpert dabei auf symbolische Weise die Orientierung des Unternehmens an zukunftsweisenden Prinzipien und Strategien. Dazu gehören die Offenheit gegenüber Neuem, die Bereitschaft, flexibel auf aktuelle Herausforderungen zu reagieren, vernetzt und global zu denken, sowie zeit- und raumübergreifend zu handeln.

Dieses Kunst- und Sammlungskonzept stellt einen bewusst gesteuerten, räumlich-zeitlichen Prozess dar, es versteht sich als ein offenes, lebendiges Netzwerk, das sich aus zwei Komponenten, genannt K und G, zusammensetzt.

K. Die sich findenden Kunstwerke

Die konkreten Kunstwerke – sei es Malerei, Plastik, Installation, Fotografie, Videofilm etc. – stehen nicht an oberster Stelle, sondern im Zentrum des Interesses, bzw. bilden gleichberechtigte Zentren untereinander und werden deshalb hier als erste benannt.

Zu Beginn ausgewählte Künstler – die 1. Generation – bringen ihre Werke in das Unternehmen ein und schlagen ihrerseits weitere Künstler vor, die mit ihrem Denken und ihrer Arbeit in Verbindung stehen. Die 2. Künstlergeneration schlägt ihrerseits die der 3. Generation vor usw. Der Sammlungsaufbau folgt also keinem starren, hierarchischen oder von vornherein festgelegten Schema und ist einzig dem Grundsatz der Qualität verpflichtet. Ein Kunstvermittler mit moderierender Funktion hält den Kontakt zu den Künstlerinnen und Künstlern, sammelt und begutachtet die jeweils eingehenden Vorschläge, wählt ggf. die besten daraus aus und berät das Unternehmen bei seinen Entscheidungen. Als thematische Richtschnur für die Sammlungsaktivitäten schlagen wir vor, sich auf diejenigen Bereiche der modernen Kunst zu konzentrieren, in denen die Prinzipien des Rhizoms, bewusst oder unbewusst, eine wichtige Rolle spielen. Dazu zählen innovative Künstlerinnen und Künstler, die

a) gezielt genreübergreifend arbeiten

b) sich intensiv mit den sogenannten Neuen Medien – Video, Computer, Internet – auseinandersetzen

c) konzeptuell arbeiten.

Der Fundus dieser rhizomatischen Kunstsammlung wird so angelegt, dass er die Möglichkeit bietet, die Verfahrensweisen und Themenstellungen des jeweiligen Künstlers zu erkennen. Denn eine einzelne Arbeit ist eher als Anekdote zu sehen, eine Serie bzw. ein Werkkomplex aber schafft die Voraussetzung zum Verständnis des bildnerischen Denkens eines Künstlers und seiner Methode.

G. Das Gespräch – kontinuierliche Dialoge über die Kunst

Der Aufbau der Kunstsammlung wird begleitet, reflektiert und durchdrungen vom Gespräch über die einzelnen Kunstwerke und ihren kunst- und zeitgeschichtlichen Kontext, d.h. über Wesen und Entwicklung der zeitgenössischen Kunst im Allgemeinen. Teilnehmer dieser Gespräche sind die Künstler, die Mitarbeiter des sammelnden Unternehmens sowie professionelle Kunstbetrachter – Kunstvermittler, Kunsthistoriker, Kuratoren, Kritiker – die ihre speziellen Kenntnisse, ihr Wissen und ihre Erfahrung zur Verfügung stellen.

Obwohl sich diese drei Gruppen funktional unterscheiden, sind sie im Gespräch über die Kunst alle gleichberechtigt Sprechende, sind jeweils sowohl Fragen-Steller wie Antwort-Sucher, auf einer gemeinsam unternommenen Reise.

© Cornelia Saalfrank, Wiesbaden 2009

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