Andreas von Klewitz

Heiligabend in Minsk

Heiligabend in Minsk. Anna kommt die Zeit schon so lang, so unglaublich lang vor. Draußen fällt schmutziger Schnee auf die trostlosen Gassen. Ein Fuhrwerk scheppert vorbei, ein paar Krähen, die auf dem First des gegenüberliegenden Holzhauses sitzen, schnattern dazu. Anna schaut hinaus. Schaut hinaus in die Dämmerung und denkt, wie schön war es in Berlin. In der Wohnung am Lützowplatz, wie sie da zusammen saßen, mit der Mutter, unter dem geschmückten Weihnachtsbaum. Sie, die Juden, unter einem Weihnachtsbaum! Und sie denkt an diese besinnlichen Stunden, das gemütliche Wohnzimmer mit dem Flügel, wie der Vater manchmal musizierte und wie sie Weihnachtslieder sangen, alle zusammen, »Vom Himmel hoch.« Von wegen hoch. Wie niedrig er hier ist, der Himmel. Und keine Kerzen, nichts. Nicht einmal genügend Holz, um den Tag zu begehen, den Jakob Wilhelm Meyer früher immer als seinen ganz persönlichen jüdischen Weihnachtstag bezeichnete. Der ungläubige, unglaubliche Mensch. Anna lacht still vor sich hin. Ach, der Vater, wie lustig er manchmal war. Wenn er sie und die Mutter am Heiligabend zum Rodeln aufforderte, sie dafür eigens die berüchtigten Doppeldecker bestiegen, unterwegs manchmal Schelte von den kratzbürstigen Busfahrern bekamen wegen der Schlitten, und dann endlich mit der sehr viel geräumigeren und wegen des fehlenden direkten Kontaktes mit dem Führerpersonal um einiges freundlicheren S-Bahn bis nach Schlachtensee weiterfuhren. Da sind sie dann jedes Jahr auf eine kleine Lichtung gegangen, die wenigstens so abschüssig war, dass man sich an manchem Baum die Visage auf immer verurschen konnte. Da ist die Mutter, wenn das Eis schon dick genug war, sogar Schlittschuh gefahren, sie hat immer ein wenig damit angegeben, wie gut sie das als junges Mädchen gekonnt habe, dass man sie sogar einmal direkt aufgefordert hätte, einem Eiskunstlaufverein beizutreten. Der Vater hat dann immer gelacht, ach du, ich sehe dich schon, ein tanzendes Nilpferd auf dem Eise der Spree.

Wie lang das alles her ist. Anna schaut wieder aus dem Fenster. Jetzt müsste der Vater aber doch kommen, es ist ja gleich dunkel. Und zu früh möchte sie die wenigen Holzscheite nicht anzünden, die sie in Ermangelung einer richtigen Festbeleuchtung gesammelt hat. Für diesen Tag. Ja, wie lange ist das alles schon her. Der »Auszug« aus Berlin. Auch das scheint ihr wie eine Ewigkeit vergangen. Gott sei Dank hat die Erinnerung die schöne Angewohnheit, das, was man nicht erträgt, gut zu verpacken. Jedenfalls tut sie das häufig. Wenn man nicht gerade alleine für sich in einem Kämmerchen hockt. Und es Weihnachten ist.

»Anna?«

Anna öffnet den Bretterverschlag, es schneit hinein. Der Vater tritt ein, spricht davon, dass er noch zu tun gehabt habe, da im Judenrat. »Bist du auf dem Heimweg auch vorsichtig gewesen?« fragt er. Spricht er auch nur noch selten, so fragt er sie das jeden Tag. Und sie liebt ihn für seine Besorgtheit. Gerade heute. Und nickt, Ja, Väterchen, ich war ganz lieb, bin immer den einen Weg nach, den, den wir morgens immer zusammen gehen. Und hilft ihm aus dem Mantel. Der nun gar nicht mehr gut aussieht. Ja, setzt dich doch, bitteschön, spricht sie sanft, er setzt sich, schweigt eine Weile, schaut sich um, sieht die Holzscheite in dem Krug auf dem Tisch. »Was hast du vor?« Anna streicht ihm über die von Kälte ganz raue schöne Hand. »Es ist doch Heiligabend.« Der Vater nickt, schaut weg, beiseite. Ja. Es ist Heiligabend, denkt er, und als ob er es verdrängen wolle, beginnt er zu erzählen, was er tagsüber gemacht, was er alles zu bestellen gehabt hat. Erzählt von Krankheiten, Hunger und Tod. Erzählt, wie ihm das Gewissen täglich schwerer wird, ich kann bald nicht mehr, mein Kind, wenn wir das alles gewusst hätten damals, ich wäre gegangen. Anna spürt wieder das Seil unter ihren Füßen. Heute nicht, bittet sie, heute nicht. Warum schweigt er nicht einfach. So wie er es in letzter Zeit immer öfter tut. Ich verstehe dich auch so, mein lieber Papa. Und schau, ich entzünde die Kerzen, und schau, draußen ist auch hier der Winter weiß, Gott lässt es schneien auf die gesamte Erde. Sie steht auf, geht in die Ecke, wo das Grammophon steht, holt die Platte heraus. Wenn du willst, können wir auch singen, sagt sie. Der Vater ist vom Seil gefallen, er weint. Nein, bitte nicht, das halte ich nicht aus. Und die Anna denkt, ja, wir sind das stärkere Geschlecht, aber nur nach außen hin, innen bin ich genauso schwach wie du, ich möchte mit dir weinen, lieber, lieber Papa, und gar nicht mehr aufhören. Mit steifen Händen entzündet sie die Holzscheite, die nur matte kleine blaue Flämmchen von sich geben. Nicht gerade weihnachtlich. Aber vielleicht ein bisschen wie damals in Bethlehem. Bei der Geburt ihres Messias, bei Ochs und Esel. Auch unseres Messias, wenigstens an diesem, diesem einzigen Tag. Sie legt die Platte auf, den Beethoven, der Vater lässt es geschehen, mach es bloß nicht zu laut. Nein, nein, ist schon gut. Sie setzen sich nebeneinander. Halten sich an den Händen. Sagen nichts, halten sich bloß an den Händen. Im Topf lodern schwache Flammen zur gespenstisch erklingenden Musik aus dunkler Ecke. Weihnachten, Weihnachten, frohe Weihnachten.

Andreas von Klewitz

excerpt from the novel „Das Lied des Polyphem – Bildnis eines Massenmörders“, published by Parthas Verlag Berlin (http://www.parthasverlag.de) and Deutscher Taschenbuch Verlag München (dtv) 2004